"Upwärts"

Kolumne


von Daniel Plessing
dringt in himmlische Sphären vor

Es war ein unglaublich erhebendes Gefühl, als wir letztes Jahr mit vereinter Manneskraft und dicken Spanngurten ein großes Eichenholzkreuz auf einem Hügel oberhalb unserer Gemeinde aufrichteten. Boam. Da stand da oben dieses wuchtige Kreuz. Ein Gänsehautmoment vom allerfeinsten!

Seit jeher stellen wir Menschen Kreuze auf Kirchtürme und Berge. Wir stellen sie interessanterweise nicht in Keller oder Kühlschränke. Irgendwie haben wir das Bedürfnis, Gott ganz oben anzusiedeln, das hat Tradition. „Ich blicke up zu den Bergen, woher kommt mir Hilfe?“ betet ein biblischer Vorsänger (Psalm 121). Ich überzeichne jetzt etwas. Die Vorstellung ist, dass Gott sozusagen im himmlisch-geistlichen Obergeschoss residiert während wir Menschen im irdisch-fleischlichen Erdgeschoss hausen. Aus pastoraler Erfahrung weiß ich, dass unzählige Eltern ihren Kindern erzählen, dass die gerade gestorbene Oma jetzt oben bei Gott sitzt und vom Himmel zu uns runterschaut. Ganz als ob es nichts Spannenderes geben würde, als den ganzen Tag die Menschheit in Ameisengröße zu betrachten. Seit einiger Zeit sprechen wir von der UpDimension im christlichen Leben. Wir meinen damit alles, was mit Gott zu tun hat – vor allem aber das Gebet. Jedem leuchtet das ein, wir wissen wovon wir sprechen. Up ist die Beziehungsdimension von uns da unten mit DEM da oben. Diese Sichtweise hat eine gute, biblische Grundlage, doch zu einseitig betrachtet kann dieses Verständnis zum upgehobenen religiösen Kraftakt werden. Wir versuchen oft im Rhythmus christlicher Klänge irgendwie in himmlische Sphären vorzudringen und die Welt und das Fleisch „unter“ uns zurückzulassen. Und manchmal sind wir dann tatsächlich für einen Augenblick oben in der Seligkeit, bis die Schwerkraft uns wieder nach unten reißt.

Wenn ich die Bibel und insbesondere das Neue Testament richtig verstehe (Irrtümer sind nie ausgeschlossen), ist aber ein Clou des christlichen Glaubens, dass DER da oben zu uns da unten gekommen ist. Die Richtung ist also umgekehrt. Jesus hat das himmlische Obergeschoss verlassen. Das feiern wir an Weihnachten. Er ist seither, obwohl er paradoxerweise an Himmelfahrt ins Obergeschoss zurückgekehrt ist, in den letzten Rattenlöchern der Menschheit zu finden. Zumindest behauptet er das in Matthäus 25. Aber nicht nur da hat er sich niedergelassen, sondern auch in unseren Herzen, nämlich durch den Geist (Römer 5) und in der Gemeinschaft der Nachfolger (Matthäus 18). Gott hat sich in Jesus upwärts bewegt. Das Himmelreich ist nahe herbeigekommen, wie Jesus selbst gepredigt hat. Natürlich brauchen wir den Blick up zum Himmel. Aber inzwischen ist das Erdgeschoss zu Gottes Refugium geworden! Das finde ich total upgefahren.

Zurück