Der Unsichtbare

Kolumne


von Rolf Höneisen
Chefredaktor idea, ETG Erlen

Das Auto kommt immer näher. Ich spüre es im Rücken. Schnell, schneller! Kräftig trete ich in die Pedale. Ich muss den großen Baum dort vorne erreichen, bevor ich überholt werde. Nur noch wenige Meter. Geschafft! Jetzt rauscht der Wagen an mir vorbei. Ich atme durch. Es wird gut, heute wird es gut. Ich bin schneller gewesen, habe gewonnen. Dieses Mal.

Diffuse Ängste begleiteten mich durch die Jugendzeit. Die Ängste kamen, wenn es dunkel war und ich allein. Mit solchen Spielen wie dem geschilderten Wettlauf versuchte ich, mich davon zu befreien. Es war ein Kräftemessen mit dem Unbekannten, ein Ringen mit der unsichtbaren Welt.

Oder ich betete. Meine Mutter hatte mich das „Unser Vater“ gelehrt. Nachts, wenn das Unheimliche durch meine Gedanken kroch und ich nicht mehr aus dem Bett konnte, weil ich eine Gestalt darunter befürchtete, sagte ich dieses Gebet auf. Mechanisch, formelhaft in die Dunkelheit geredet. Wie einen Zauberspruch. Das beruhigte. Mehr aber nicht. Ich sendete Gebete, ohne mit einem Empfänger zu rechnen.

Alles Greifbare wird durch abtasten, ausmessen, abwägen, analysieren begreifbar. Alles Unsichtbare bleibt hingegen diffus. Hoffnungen, Sehnsüchte und Ahnungen lassen uns den Zugang in die unsichtbare Welt suchen. Der Weg ins Unsichtbare führt über die Gedanken. Aber was ist zuverlässig, was vertrauenswürdig in der Welt jenseits des Sichtbaren? Was sind Götzen – und wer ist der unsichtbare Gott?

Als Paulus in Athen auf seine Freunde wartete, war er erschüttert über die vielen Götzenstatuen in der Stadt. Er begann, den Menschen von Jesus und der Auferstehung zu erzählen (Apg. 17,16ff). Schließlich stellten ihn die Philosophen zur Rede. Er verwies sie auf einen Altar mit der Inschrift: „Dem unbekannten Gott“. Diesen würden sie verehren, ohne ihn zu kennen (V23), meinte Paulus. Es handle sich um den Schöpfer von Himmel und Erde. Eines Tages werde Gott die Menschen an einer Person messen, die von den Toten auferstanden ist, an Jesus Christus.

Paulus erfuhr die gleichen Reaktionen, wie sie sich gegenüber dem Evangelium zeigen: Einige lachten, andere wollten später mehr wissen und wieder andere glaubten. So wie ich. Mir ist heute klar, zu wem ich bete. Die Ängste sind weg. An ihrer Stelle sitzt ein tiefes Vertrauen in den gütigen Gott. Der Glaube an Christus ist der gute Weg zum unsichtbaren Gott. Ich denke mein Leben nun in seiner Gegenwart.

Lässt sich Unsichtbares beschreiben? Gott übersteigt jede menschliche Vorstellung. Er ist unendlich – und trotzdem nah. Wir leben ja alle durch ihn (Apg. 17,28)! Wenn ich antworte, mit ihm rede, wird der Unendliche persönlich. Dann, wenn ich auf sein Wort reagiere und mich im Zwiegespräch mit Christus verbinde.

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