Gottesbilder zurechtrücken

Gott hat sich uns vorgestellt


von Bernhard Ott
Theologe, Kirche Spalen

„Ich kann auf Vorstellungen über Gott verzichten, seitdem sich Gott unter uns vorgestellt hat“ (Wolfgang Dyck). Eine christliche Vorstellung von Gott orientiert sich an Jesus Christus. Im Johannesevangelium wird das auf den Punkt gebracht: „Niemand hat Gott je gesehen. Der einzige Sohn hat ihn uns offenbart, er, der selbst Gott ist und an der Seite des Vaters sitzt“ (Joh. 1,18). Und kurz zuvor: „Er wurde ein Mensch von Fleisch und Blut und lebte unter uns. Wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit voller Gnade und Wahrheit, wie nur er als der einzige Sohn sie besitzt, er, der vom Vater kommt“ (Joh. 1,14).

Deshalb: Wer Gott sehen will, muss auf Jesus Christus sehen. Da begegnen wir der voraussetzungslosen und bedingungslosen Liebe Gottes (Joh. 3,16; 13,1). Dieser Gott ist sich nicht zu schade, die Komfortzone des Himmels zu verlassen, bei den Menschen zu wohnen, und sich den Alltäglichkeiten und Risiken des menschlichen Lebens auszusetzen. Und das mit einem einzigen Ziel: Den Menschen die Liebe Gottes kundzutun, und die stolpernden Geschöpfe einzuladen, in Gemeinschaft mit Gott das wahre Leben zu finden.

Diese Sicht von Gott stellt auf den Kopf, was Religion oft ist, nämlich das Bemühen des Menschen, durch Gebete und Opfer, die Gottheit(en) gütig zu stimmen, um dadurch Wohlwollen und Segen für das eigene Leben zu erwirken. Das ist Religiosität, die von Sorge getrieben und letztlich auf den Menschen selbst zentriert ist. Jesus hat solche Gottesvorstellungen und religiöse Praktiken als heidnisch entlarvt (Matthäus 6). Er stellt uns seinen Vater im Himmel als den guten Vater vor, der weiß, was wir bedürfen, ehe wir überhaupt drandenken, Gebete zu formulieren und religiöse Rituale zu praktizieren.

Eine entsprechende Haltung kommt im Unser Vater zum Ausdruck: Jesus nimmt uns in die Gemeinschaft mit dem Vater hinein: „Unser Vater im Himmel!“ Er ist für uns bevor wir auch nur einen Schritt auf ihn zu gemacht haben, bevor wir auch nur ein Gebetswort gesprochen haben.

Weil seine Zuwendung und Fürsorge bereits gesichert sind, haben wir Kopf, Herz und Hände frei, uns ganz auf ihn und sein Reich auszurichten: „Dein Name werde geheiligt. Dein Reich komme. Dein Wille geschehe, wie im Himmel so auch auf der Erde.“ Es geht deshalb in Gebet und Gottesdienst nicht darum, dass wir Gott dazu bewegen, nach unserer Musik zu tanzen, sondern darum, dass wir auf die Musik des Himmels hören, um in unserem Leben nach seiner Musik zu tanzen. Was uns bewegt und belastet, dürfen wir in die Hand des guten Vaters legen: Die Sorge um das materielle Wohl. Der drückende Rucksack der Schuld, die sich im Laufe des Lebens angehäuft hat. Die Angst, an den Herausforderungen des Lebens zu scheitern.

 

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