"Kirche" war einmal

Kolumne


von Basil Höneisen
plädiert für div. Gemeinschaftsg

«Ich brauche die Kirche nicht, um an einen Gott glauben zu können» Diesen Satz habe ich schon oft gehört. Teilweise sogar selbst geglaubt. «Die Geschichte zeigt ja, was Kirchen und ihre Strukturen hervorgebracht haben», argumentieren Verfechter dieser Aussage. Ausgrenzung, Abspaltung, Missbrauch. Mit dem Begriff «Kirche» seien schlimme Dinge verbunden, sagen sie. Die Kirche habe zwar durchaus ihre positiven Seiten, speziell im sozialen Bereich. Aber: «Glaube ist etwas Persönliches. Dafür brauche ich die Kirche nicht. »

Auch für mich hatte diese Einstellung phasenweise ihre Legitimation. Einerseits reden wir hier von bekannten Problemen, die tatsächlich stattgefunden haben. Verdeckte Recherchen, Kontrollinstanzen oder Opfer brachten schmutzige Dinge aus dem Raum der Kirche ans Licht. Es kam zu Ausgrenzungen am «Ort der Zuflucht», zu Abspaltungen am «Ort der Einheit», zu Missbrauch am «Ort der Liebe». Diese Dinge möchte ich nicht mit meinem persönlichen Glauben verbinden, und das wollen viele andere auch nicht, wie ich in Gesprächen erfahren habe – speziell mit Leuten, die zwar an eine Art «Gottwesen» glauben und sich auch als Christen bezeichnen, jedoch nicht genau wissen, wie sie damit umgehen, geschweige denn konkret «leben» wollen. Sie sehen zum einen das Konstrukt Kirche mit all ihren guten und schlechten Seiten, zum anderen spüren sie den Drang nach mehr, den Drang nach echter Liebe, nach echter Erfüllung. Aber sicher nicht mit dieser Kirche und ihrer schrecklichen Vergangenheit – und ihren leeren Bänken und ihrem gähnend langweiligen Programm.

Wenn ich das höre, schlägt mein Herz schneller. Denn die Kirche, die ich kenne, ist anders. Klar, in der Vergangenheit war sicher nicht alles Gold, was glänzte. Aber heute sehe ich Kirchen – insbesondere Freikirchen – die alles daransetzen, den Menschen mit unvoreingenommener Liebe zu begegnen. Wir wollen wieder den Ort der Zuflucht, der Einheit und der Liebe gestalten. Kurz: einen Ort der Gemeinschaft. Mit dieser Stossrichtung, Wirtschaftler würden wohl von «Strategie» sprechen, halten Freikirchen ihre Mitgliederzahl seit der Jahrtausendwende konstant auf hohem Niveau. Sicher, es spielen auch andere Faktoren eine Rolle. Aber ich bin davon überzeugt, dass Gemeinschaft der Schlüssel einer pulsierenden Kirche ist. Und für eine funktionierende, liebevolle, stützende Gemeinschaft ist es eben wichtig, in die Kirche zu gehen. Für meinen persönlichen Glauben an Gott brauche ich die Kirche nicht. Aber für den Austausch, die Ermutigung, die Identifikation, die gegenseitige Liebe, die Meinungsbildung, die Leidenschaft – dafür brauche ich sie. Und das hat dann sehr wohl mit meinem persönlichen Glauben zu tun. Damit bekommt der Begriff der Kirche eine ganz neue Definition. Es geht eben nicht darum, in die Kirche zu gehen. Es geht darum, Kirche zu sein.

Zurück