Klartext reden

Kolumne


von Helena Gysin

Sie müssen wissen: damals war ich ein Grünschnabel, gerade mal 16 Jahre alt: mutig, feurig und vielleicht auch ein bisschen vorlaut. Mein Denken bewegte sich in den Kategorien Schwarz-Weiss. Meine Eltern erzogen mich christlich, aber eher gesetzlich. Ich wusste ziemlich genau, was man als Christ macht oder eben auch nicht. So kam es, dass ein Paar aus meiner Jugendgruppe seine Verlobung und zugleich auch die Hochzeit in einem Jahr ankündigte. Mit der jungen Frau hatte ich eine vertraute Beziehung, obschon sie einige Jahre älter war als ich. Ihren Zukünftigen kannte ich ebenfalls. Und so, wie ich die Lage einschätzte war er zwar ein begeisterter Jugendgruppe-Besucher, aber was die Jesusnachfolge betraf, wohl eher ein Mitläufer. Bei mir blinkten die Warnlampen. Ich fühlte mich verantwortlich dieser Kollegin ein paar kritische Fragen in Bezug auf den geistlichen Zustand ihres Verlobten zu stellen. Ich kann mich natürlich nach so langer Zeit nicht mehr an Inhalt und Verlauf des Gesprächs erinnern. Offensichtlich bin ich aber „zur Sache gekommen“, habe ohne Umschweife meine Bedenken deponiert, Tacheles geredet. Woran ich mich erinnere ist: dass wir in einer Atmosphäre des Friedens auseinander gegangen sind und – dass diese Frau, diesen Mann trotzdem geheiratet hat.

So konkret wie damals, habe ich seither nie mehr ins Leben eines Mitmenschen geredet. Blicke ich in die Abgründe der anderen, schweift mein Blick ziemlich schnell zu mir. „Wer bin ich, dass ich ihnen einen Spiegel vorhalten könnte?“, so frage ich mich heute; sehe ganz beschämt auf meinen dreckverschmierten Stecken und bleibe lieber ruhig. Gottes Idee war eine andere. Offensichtlich wollte ER, dass wir „aufeinander achthaben“, einander anspornen zur Liebe und zu guten Werken, uns gegenseitig ermahnen und ermutigen (Hebräer 10.24). Klar, will der himmlische Vater, dass wir auf uns selber achthaben und vor der eigenen Türe wischen. Aber, der Nächste soll auch von unseren Erfahrungen, von unserer Erkenntnis profitieren und nicht alle Fehler selber machen müssen. Ich glaube, dass Gott genau das gemeint hat, als er feststellte: „Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei.“ ER hat Menschen an unsere Seite gestellt – in Freundschaften, in Ehe und Familie, im Hauskreis, in Huddles - die oftmals einen neutraleren Blick auf unser Leben, auf Stärken und Schwächen haben. Darum: lasst uns liebevoll, klar und deutlich Dinge ansprechen, die im biblischen Verständnis oder im menschlichen Miteinander schief in der Landschaft stehen. Klare Worte mit Liebe gewürzt, können nämlich zu Entwicklungsschüben beitragen.

Übrigens: Jahre später schrieb mir die Frau aus meiner Jugendgruppe einen Brief. Sie erinnere sich noch ganz genau an meine Intervention, dankte dafür und bekannte, dass ihr Leben vermutlich müheloser gewesen wäre, wenn sie auf mich gehört hätte.

Helena Gysin möchte in ihrem Leben sehen, dass sich (unangenehme) Feedbacks in Wachstumsknoten verwandeln

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