Lass uns Tacheles reden


von Miriam Hauri

Immer wieder darf – manchmal ist es auch ein muss – ich Tacheles mit meinem Coachee oder Klienten reden. Für mich ist es immer wieder eine Herausforderung im „richtigen“ Moment die „richtigen“ Worte zu finden. Doch fällt mir dies im Coaching- und Beratungsgespräch viel einfach als privat. Ich bekomme von den Klienten einen Auftrag. Sie wollen, dass ich zu ihnen ehrlich bin und sie auf blinde Flecken aufmerksam mache. Dass ich Dinge, auch nicht rosige, anspreche und alles einmal ungeschmückt auf den Tisch lege.

In Privatsituationen habe ich keinen Auftrag, keinen Klienten, sondern meine Freundin, meine Verwandtschaft, meinen Bekannten als Gegenüber. Da ist ein Riss in der Beziehung für mich viel gravierender als bei einem Klienten.

Privat kommt mir eine knifflige Situation in den Sinn. Zwei meiner Mitstudentinnen haben einen Konflikt miteinander. Zu dritt sind wir eine Lerngruppe und unterstützen uns im Studium. Der Konflikt der beiden eskalierte und ich stand dazwischen. Mich betraf die Situation nicht. Ich verstand das Verhalten beider. Doch fühlte ich mich unwohl. Denn jede der beiden hat mir ihre Ansicht und das Fehlverhalten der anderen geschildert. Ich musste die Situation verdauen und habe ein paar Nächte darüber geschlafen. Beim nächsten aufeinander treffen zu dritt, habe ich allen Mut zusammengenommen. Ich habe mit ihnen gesprochen, dass ich die Situation für sie nicht regeln kann, sondern sie dies miteinander selber tun müssen. Mein Herz raste als ich die Worte aussprach. Stand doch die Beziehung von mir zu den beiden auf dem Spiel. Ich verspürte eine Erleichterung nach meiner Rede. Ich stand nicht mehr unter Spannung, immer bedacht auf meine Wortwahl zu sein. Ich konnte mit beiden mein gutes Verhältnis fortsetzen. Die beiden Mitstudentinnen haben sich in den letzten Monaten gemieden. Da ist Vieles noch nicht ausgesprochen.

Im Gemeinde-Kontext erlebe ich leider oft das Gleiche. Viel zu wenig wird miteinander geredet. Viel öfters reden wir übereinander. Wenn wir miteinander reden, dann oft nicht Klartext. Und wenn doch, dann ist die Zeit- und Wortwahl oft nicht ideal. Unter Hochspannung oder mit rotem Kopf lässt es sich, meiner Erfahrung nach, nicht sensibel mit einem Mitmenschen reden. Verletzungen und/oder Verhärtungen auf beiden Seiten sind die Folge. Verletzungen, die manchmal über Jahre hinweg dauern.

Ich wünsche mir, und auch dir, dass du Klartext mit deinen Mitmenschen redest. Dass wir mutig, authentisch, aber auch sensibel sind. Dass wir einander vergeben, wo die Kommunikation nicht gestimmt hat oder wo wir Mitmenschen verletzt haben. Lass uns Tacheles reden.

Miriam Hauri, ist neben der Anstellung beim Bund ETG Psychologiestudentin mit Erfahrungen in Coaching und Beratung

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