Tacheles reden

Jesus fordert uns auf, Tacheles zu reden


von Daniel Plessing

Jesus fordert uns auf, Tacheles zu reden

In seiner Gemeinderede im Matthäusevangelium sagt Jesus folgendes: Matthäus 18,15: Sündigt aber dein Bruder (an dir), so geh hin und weise ihn zurecht zwischen dir und ihm allein. Dieser schlichte Befehl, einander zurechtzuweisen prägte das Täufertum von Beginn an. Er hat nichts von seiner Aktualität eingebüßt. Christen sollen miteinander Tacheles reden.

Christen sündigen

Die erste Erkenntnis: Mein Bruder (oder immer synonym: meine Schwester) wird schuldig werden. Christen sündigen oder besser Christen bleiben unter ihrem Potential. Das ist kein Skandal, sondern das ist normal. Jesus hat das kommen sehen. Meine Aufgabe ist es nicht, mich über den Bruder, der sündigt, aufzuregen, sondern konstruktiv mit seinem Fehlverhalten umzugehen.

Geh hin

Jesus sagt: Geh hin! Eine unangenehme Aufforderung. Jesus schickt mich also nicht nur via Missionsbefehl in alle Welt, sondern er schickt mich auch genau zu dem failed Glaubensbruder. Ganz ehrlich, manchmal scheint es mir leichter, zu allen Völkern in die Welt zu gehen, als zu dem Bruder, der schuldig geworden ist. Da gehe ich lieber in den Kongo.

Auf der anderen Seite gebe ich meinem Bruder so die Chance, sich als Sünder wahrzunehmen. Er braucht mich, weil er möglicherweise auf diesem Auge blind ist. Mein Bruder bekommt sozusagen ein Feedback über sein sündiges Verhalten und hat die Chance, zu wachsen. Ich glaube es gibt kaum etwas, das höhere missionarisches Potential hat, als ein erneuerter Mensch. Tacheles reden ist Mission, weil dadurch Menschen verändert werden können.

Kein Tacheles ohne Beziehung

Jesus fordert uns auf, zum Bruder zu gehen. Nicht zum Chef, nicht zum Nachbarn oder Arbeitskollegen. Das scheint mir sehr wichtig zu sein: kein Tacheles ohne eine (Liebes)Beziehung. Ich bin nicht für die Sünden aller Menschen oder Christen zuständig, aber für diejenigen zu denen ich eine freundschaftliche Beziehung habe. Das Alte Testament lehrt, dass echte Liebe auch den Tadel miteinschließt. Ein echter Freund ist sich nicht zu schade, mir gegenüber auch unangenehme Wahrheiten auszusprechen – auch auf die Gefahr hin, dass ich nachher beleidigt bin.

Der alte deutsche Dichter Grabbe hat es gut formuliert:

Dein wahrer Freund ist nicht,

wer dir den Spiegel hält

Der Schmeichelei´n, worin dein Blick sich selbst gefällt.

Dein wahrer Freund ist,

wer dich sehen läßt deine Flecken,

und sie dir tilgen hilft, eh´ Feinde

sie entdecken.

Zwischen dir und ihm allein

Geh hin und weise ihn zurecht zwischen dir und ihm allein. Jesus betont hier das Vier-Augen-Prinzip. Wenn ich hingehe und mit meinem Bruder spreche, dann nur zwischen ihm und mir allein. Die Schuld meines Bruders gehört also nicht in eine Gebetsgemeinschaft, nicht in einen Anruf beim Pastor und auch nicht in die Krabbelgruppe. Wir klären das unter vier Augen. Niemand soll beschämt werden.

Weise ihn zurecht

Sündigt aber dein Bruder an dir, so geh hin und weise ihn zurecht zwischen dir und ihm allein. Weise ihn zurecht. Das klingt ja, als müsste ich meinem Bruder befehlen: „Auf die Knie, du Sünder! Kehre um!“ Ich glaube, so hat Jesus das nicht gemeint. Den Bruder zurechtweisen bedeutet, ihn zu überführen, also seine Sünde vor ihm ins Licht zu heben. Dazu reicht es in der Regel aus, die Sünde (bzw. das was ich als Sünde einschätze) ohne Anklage zu benennen. Keine Vorwürfe, keine Deutung, einfach sagen, was Sache ist.

Unter Vorbehalt zurechtweisen

Jesus sagt: Richtet nicht, auf dass ihr nicht gerichtet werden. Wenn wir über Sünde sprechen, dann sollten wir das immer unter dem Vorbehalt tun, dass nicht wir, sondern Gott schlussendlich der Richter ist. Er fällt das letzte Urteil. Wir sehen nie das ganze Bild. Was weiß ich denn wirklich? Manchmal stehen wir, ohne es zu merken, auf der falschen Seite und fühlen uns im Recht. Nicht überall wo Sünde draufsteht ist auch Sünde drin. Deshalb sollen wir das Fehlverhalten klar benennen und zugleich offen dafür bleiben, dass es sich womöglich ganz anders verhält.

Vielleicht ist es gar nicht der Bruder, sondern vielleicht bin ich es, der jetzt eine Chance zum Wachsen erhält.

 

Checkliste: Wie rede ich Tacheles?

Wenn mein Bruder / meine Schwester sündigt, dann soll ich hingehen und mit ihm / ihr reden (Matthäus 18,15-20). Auf was muss ich beim Tacheles reden achten? Wie kann ich vorgehen?

  1. Prüfung
  • Werden andere / schwächere Menschen durch die Sünde meines Bruders / meiner Schwester geschädigt? Welche Dringlichkeit und welcher zusätzliche Handlungsbedarf erfolgen gegebenenfalls daraus?
  1. Selbstprüfung
  • Ist eine tragfähige Beziehung zum Bruder / zur Schwester vorhanden?
  • Geht es mir wirklich um das Wohl meines Bruders / meiner Schwester? Was treibt mich an?
  1. Vorbereitung
  • Ich segne meinen Bruder / meine Schwester reichlich
  • Ich vereinbare einen Termin
  1. Durchführung
  • Ich spreche unter vier Augen mit meinem Bruder / oder meiner Schwester
  • Ich führe das Gespräch wertschätzend und immer unter dem Vorbehalt, dass ich mich irre, oder womöglich selbst Korrektur benötige
  • Ich spreche nur über meine Wahrnehmung des Bruders / der Schwester. Nicht über meine Deutung
  • Ich achte auf den Heiligen Geist in mir
  1. Hinterher
  • Ich bin geduldig und gebe meinem Bruder / meiner Schwester viel Zeit, auf das Gespräch zu reagieren
  • Gegenfalls wiederhole ich mein Gespräch und bringe meine Sorge erneut zum Ausdruck
  • Ich erwäge die nächsten Schritte aus der Jesusregel nach Matthäus 18,15

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