Unsere DNA

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von Bernhard Ott
Kirche Spalen, ETG Basel

Zürich 1524. Konrad Grebel, ein führender Kopf der jungen Täuferbewegung schreibt in einem Brief: „Wir waren Zuhörer von Zwinglis Predigten und Leser seiner Schriften, aber eines Tages haben wir die Bibel selbst in die Hand genommen und sind etwas besser belehrt worden.“

Das klingt auf den ersten Blick überheblich, ist aber nicht so gemeint. In diesem Satz steckt die DNA der Täuferbewegung: Gewöhnliche Leute nehmen die Bibel selber in die Hand, lesen sie gemeinsam – und jetzt das Entscheidende! – und tun ohne Wenn und Aber was sie entdecken. Sie folgen dem Reformator Zwingli – und gehen dann noch einen Schritt weiter. Was heisst das konkret?

Ja, allein Jesus! Aber nicht nur sein stellvertretender Tod am Kreuz, auch seine Lehre und sein Vorbild. Und im Zentrum die Bergpredigt: Barmherzigkeit, Wahrhaftigkeit, Treue, Feindesliebe. Keine materiellen Schätze sammeln. Die Gerechtigkeit des Reiches Gottes an erster Stelle. Nicht nur fromm reden, sondern tun.

Ja, allein Gnade und Glaube! Aber nicht nur eine innere Herzenserfahrung, vielmehr Jesus nachfolgen in der täglichen Lebensgestaltung. Seinem Vorbild und seiner Lehre folgen, auch wenn es unpopulär ist und man mit Widerstand rechnen muss.

Ja, die wahre Kirche der Glaubenden! Aber nicht unsichtbar in einer Volkskirche verborgen. Vielmehr eine sichtbare Gemeinschaft der Liebe, der Anteilnahme und des Teilens. Eine Stadt auf dem Berg. Ein leuchtendes Beispiel einer neuen Lebensmöglichkeit.

Ja, Gottes Reich kann nicht mit Staatsgewalt gebaut werden! Aber noch viel mehr: Menschen, die Jesus nachfolgen, entsagen in jeder Hinsicht der Gewalt, lieben die Feinde und setzen sich für Versöhnung und Frieden ein.

Ja, das Evangelium für alle Menschen, aber nicht indem man sie via Säuglingstaufe zu Christen macht. Vielmehr sollen alle die gute Nachricht hören und eingeladen werden, Jesus nachzufolgen.

Der täuferische Weg erwies sich als anspruchsvoll. Die Radikalität kann leicht zu Gesetzlichkeit, Überheblichkeit und Weltabsonderung führen. Die Geschichte der Täufer weiss davon ein Lied zu singen. Wir sollten die Worte des Apostel Paulus nicht vergessen: „Wir haben diesen Schatz in zerbrechlichen Gefässen“ (2. Korinther 4,7). Bescheidenheit und Demut sind angesagt.

Was heisst das für uns heute? Es geht nicht darum, die frühen Täufer zu kopieren, sondern vielmehr zu kapieren: Gewöhnliche Leute nehmen die Bibel selber in die Hand, lesen sie gemeinsam und tun ohne Wenn und Aber was sie entdecken. Wo immer das geschieht, kann sich die Kraft des Evangeliums entfalten. Ängste weichen. Schuld wird vergeben. Menschen werden verändert. Versöhnung wird möglich. Gottes Reich wird zeichenhaft sichtbar und erfahrbar…

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